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Widerstand gegen Veränderung: Warum unser Gehirn im Neandertal-Modus bleiben will

  • Autorenbild: Caesar & Harrison GmbH & Co. KG
    Caesar & Harrison GmbH & Co. KG
  • vor 1 Tag
  • 12 Min. Lesezeit


Widerstand gegen Veränderung ist keine Böswilligkeit, sondern Neurobiologie. In Folge 11 von Storify your Business erklären Holger König und Michael Neugebauer, warum unser Gehirn seit Hunderttausenden Jahren im Neandertal-Modus arbeitet, was im Kopf passiert, wenn ein Change-Prozess startet, und unter welchen Bedingungen Menschen Veränderung tatsächlich akzeptieren.


Das Wichtigste in Kürze zum Widerstand gegen Veränderungen


  1. Unser Gehirn ist auf Stabilität und Energiesparen programmiert. Routinen werden in den Basalganglien gespeichert und unbewusst abgerufen, Veränderung dagegen kostet bewusste Energie.

  2. Die Amygdala, unser Alarmzentrum, deutet Unsicherheit als Bedrohung. Deshalb reagieren Menschen auf angekündigte Veränderung zunächst mit Abwehr, ganz ohne böse Absicht.

  3. Die 25-50-25-Regel beschreibt die typische Verteilung in Change-Prozessen: Ein Viertel zieht aktiv mit, die Hälfte wartet ab, ein Viertel blockiert.

  4. Veränderung akzeptieren Menschen, wenn sie freiwillig, sinnvoll, beherrschbar und rücknehmbar erscheint. Genau das fehlt im Job meistens, im Privaten dagegen nicht.

  5. Wer Veränderung anschieben will, muss Ängste ernstnehmen, Sicherheit schaffen, eine Zukunftsvision entwerfen, eine mitreißende Geschichte erzählen und mit gutem Beispiel vorangehen.


Worum geht es in dieser Podcast-Folge? Show Notes mit Timestamps


Folge 11 verbindet Neurobiologie, Change-Management und Marketing zu einem großen Bild: Warum Menschen am Bekannten festhalten und was es braucht, damit sie loslassen. Michael bringt fünf eigene Change-Erlebnisse und zwei ehrliche Fehler mit, Holger die Parallelen aus der Marketingpraxis.

Zeitmarke

Thema in dieser Podcast-Folge

00:00

Einleitung: Das Gehirn im Neandertal-Modus

01:15

Energiesparen und Routinen: Die Basalganglien

04:16

Präfrontalkortex und Amygdala: Warum Veränderung als Bedrohung gilt

05:12

Widerstand als Schutzreaktion: Der Säbelzahntiger

06:46

Wir sind die Nachfahren der Ängstlichen

07:46

Neuroplastizität: Wie das Gehirn sich umbaut

08:38

Die Turnerin und die Bobfahrer: Visualisierung und Belohnungssystem

13:24

Die 25-50-25-Regel in Change-Prozessen

14:28

Rogers Innovation Adoption Curve und die fünf Stufen

21:12

Die zwei Ebenen des Widerstands: emotional und kognitiv

28:16

Das Medienbetrieb-Beispiel: Produktion und IT

33:26

Der Elefant im Raum: KI und das MS-365-Beispiel

42:55

Das 7-Phasen-Modell nach Streich und die Trauerphasen

45:23

Michaels zwei Fehler: Transparenz und alle mitnehmen wollen

50:07

Das Paradox: Warum Mode leicht geht und Job-Change nicht



Warum unser Gehirn verändernde Behandlung als Bedrohung behandeln


Was bedeutet es, dass unser Gehirn im Neandertal-Modus arbeitet?


Michael nutzt ein Bild, das die ganze Folge trägt: Unser Gehirn arbeitet im Neandertal-Modus. Damit ist keine Beleidigung gemeint, sondern eine biologische Tatsache. Das Organ in unserem Kopf hat sich seit Hunderttausenden Jahren im Kern nicht verändert. Und sein wichtigster Auftrag lautet: Entwickle Routinen und bleibe dabei. Jede Veränderung kostet Energie, und im Neandertal war Energie knapp. Man wusste nie, ob morgen wieder ein Mammut vorbeikommt.


Routinen werden in einem bestimmten Hirnbereich gespeichert, den Basalganglien. Von dort werden sie unbewusst und energiesparsam abgerufen. In vielen Situationen musst du nicht mehr überlegen, was du tust. Du machst, was du immer gemacht hast und was dein Überleben gesichert hat. Das ist effizient, aber es ist auch der Grund, warum Verhaltensänderung so schwerfällt.


Veränderung erfordert einen anderen Bereich, den Präfrontalkortex, zuständig für bewusste Planung und Ziele. Der verbraucht viel Energie. Und weil Veränderung mit Unsicherheit verbunden ist, schaltet sich ein dritter Bereich ein: die Amygdala, unser Emotions- und Alarmzentrum. Sie deutet das Unbekannte als Bedrohung und rät: Bleib bei deinen Routinen, alles andere könnte dich umbringen.


Warum ist Widerstand eine Schutzreaktion und keine Böswilligkeit?


Daraus folgt eine zentrale Erkenntnis dieser Folge: Wenn ein Chef sagt, wir müssen etwas ändern, und ein Mitarbeiter reagiert mit Widerstand, dann hat das weniger mit der Person zu tun als mit ihrem Gehirn, das sich einschaltet und Nein sagt. Wer Veränderung in Gang setzen will, kämpft gegen die tiefsitzende Angst vor dem Säbelzahntiger. Den gibt es nicht mehr, aber das Bedrohungsgefühl entsteht trotzdem, oft schon durch einen einzigen Satz.


Michael bringt es mit einem Satz auf den Punkt, den er einmal gehört hat: Wir sind die Nachfahren der Ängstlichen. Wer im Neandertal weggelaufen ist, als es im Gebüsch raschelte, hat überlebt. Wer neugierig nachschaute und einer Wildkatze begegnete, konnte seine Gene nicht weitergeben. Diese Vorsicht steckt bis heute in uns.


Ein konkretes Beispiel: Der Chef will KI einführen und schreibt allen Mitarbeitern eine Mail. Sofort gehen die Zugbrücken hoch. Man greift zum Telefon oder geht zur Kaffeebar: Habt ihr das gelesen? Genau diese Reaktion ist neurobiologisch vorprogrammiert. Wer sie versteht, kommuniziert anders. Wie wichtig dabei kurze, klare Botschaften sind, haben Holger und Michael in Folge 10 über das Durchdringen im Dauerrauschen beschrieben.


Hirnbereich

Aufgabe

Wirkung bei Veränderung

Basalganglien

Speichern bewährte Routinen, rufen sie unbewusst und energiesparsam ab

Halten am Gewohnten fest, weil es sich bewährt hat

Präfrontalkortex

Bewusste Planung, Ziele, Reflexion

Ermöglicht Veränderung, kostet aber viel Energie

Amygdala

Emotions- und Alarmzentrum, schnelle Bedrohungsbewertung

Deutet Unsicherheit als Gefahr und löst Abwehr aus

 





Wie Veränderung trotzdem gelingt: Neuroplastizität und Belohnung


Wie baut das Gehirn neue Routinen auf?


Das Zauberwort heißt Neuroplastizität. Es bedeutet, dass wir unser Gehirn umbauen können, sodass neue Muster und Routinen entstehen. Das braucht Zeit, Wiederholung und den bewussten Willen, Energie aufzubringen. Michael erzählt von einer Turnerin, die sich auf eine schwierige Übung vorbereitet hat, indem sie sich den Ablauf wieder und wieder vor dem inneren Auge vorgestellt hat. Diese Visualisierung führte dazu, dass ihr Gehirn neue Muster als bekannt abspeicherte. Als sie die Übung dann tatsächlich ausführte, lief der Körper die Bewegung routiniert ab.


Holger kennt das von den Bobfahrern bei den Winterspielen, die vor dem Start jede Kurve im Kopf durchfahren. Sport ist überhaupt ein gutes Beispiel, weil dort Veränderung selbstverständlich zum Erfolg gehört. Aber warum strengt sich jemand so an, wenn das Gehirn doch Energie sparen will?


Die Antwort ist das Belohnungssystem. Es sagt: Wenn ich schneller, höher, weiter komme, dann habe ich mehr Erfolg und bin zufriedener. Veränderung wird möglich, sobald das Belohnungssystem ein klares Warum erkennt. Es braucht die richtigen Bedingungen: ein klares Warum, kleine Schritte und einen sicheren Rahmen.


Was hat das mit Marketing und interner Kommunikation zu tun?


Genau hier trifft sich die Neurobiologie mit dem Marketing. Kunden fragen: Was habe ich davon? Mitarbeitende fragen dasselbe: Was springt für mich dabei heraus? Die Antwort liefert kein lautes Argument, sondern eine Geschichte. Kleine Schritte, die keine Angst machen. Kurze Sätze, die jedes Gehirn sofort versteht. Präzise Aussagen, die Sicherheit vermitteln. Das ist dieselbe Logik, die hinter dem Narrativ-Ansatz und hinter Folge 9 über Haltung steht.


Das Gehirn braucht einen Rahmen, den wir mit Worten vermitteln, und ein klares Ziel, eine Art Happy End. Wer einen Change-Prozess einleitet oder eine Marketingkampagne startet, muss immer überlegen: Wie mache ich die Menschen, die mitmachen sollen, glücklich? Wie erreiche ich, dass sie Lust haben zu folgen? Das Glücksversprechen ist kein Marketing-Trick, es ist die Bedingung dafür, dass das Belohnungssystem mitspielt.






Die Verteilung im Change-Prozess: Wer mitzieht und wer blockiert


Was besagt die 25-50-25-Regel?


Belastbare Zahlen zu Change-Prozessen gibt es nicht, weil jedes Unternehmen andere Kulturen, Ängste und Konkurrenzsituationen hat. Aber es gibt Erfahrungswerte, die sich immer wieder bestätigen. Michaels Faustregel: Etwa ein Viertel der Mitarbeitenden unterstützt eine Veränderung aktiv, sieht den Sinn und bringt eigene Ideen ein. Die Hälfte wartet ab, lässt sich aber mitziehen, wenn es gut gemacht ist. Das letzte Viertel blockiert, aus Angst vor Verlust, aus Erschöpfung oder aus Frust über zu viele erfolglose Veränderungen der Vergangenheit.


Das letzte Viertel ist oft nicht erreichbar. Hier geht es für Führungskräfte darum, diese Menschen so einzubinden, dass sie bei den anderen nicht die Stimmung verderben. Nicht jeder lässt sich mitnehmen, und genau dieses Wissen schützt vor einem der häufigsten Fehler, den Michael selbst gemacht hat.


Wie hängt das mit der Innovation Adoption Curve nach Rogers zusammen?


Holger zieht die Parallele zum Marketing. Vor rund 70 Jahren hat Professor Everett Rogers die Innovation Adoption Curve beschrieben: wie sich neue Produkte verbreiten. Die Verteilung ähnelt der 25-50-25-Regel verblüffend.

Gruppe

Rolle

Anteil ca.

Innovators

Allererste Tester, probieren sofort aus

2,5 %

Early Adopters

Frühzeitige Visionäre, übernehmen schnell

13,5 %

Early Majority

Frühe Mehrheit, folgt mit etwas Abstand

34 %

Late Majority

Späte Mehrheit, übernimmt zögerlich

34 %

Laggards

Nachzügler, übernehmen spät oder nie

16 %

 

Rogers beschreibt zudem fünf Stufen, wie sich Innovation verbreitet: Wissen (man wird sich der Neuerung bewusst), Überzeugung (man bildet eine Einstellung dazu), Entscheidung (man nimmt an oder lehnt ab), Einführung (man setzt es in die Praxis um) und Bestätigung (man bewertet das Ergebnis). Michael bestätigt aus seiner Change-Erfahrung: Schon auf der ersten Stufe scheitert es oft, weil nicht klargemacht wird, warum eine Veränderung überhaupt nötig ist. Wo das Warum fehlt, wird aus Neugier Verunsicherung.






Zwei Ebenen des Widerstands und das Führungsproblem dahinter


Worin unterscheiden sich emotionaler und kognitiver Widerstand?


Widerstand hat zwei Ebenen. Die emotionale Ebene speist sich aus Angst: Angst, mit neuen Arbeitsabläufen nicht klarzukommen, den Status zu verlieren, wenn Abteilungen zusammengelegt werden, oder gar den Job zu verlieren. Die kognitive Ebene entsteht, wenn Menschen nicht nachvollziehen können, worum es geht, und an der Sinnhaftigkeit zweifeln.


Wer diese beiden Ebenen nicht ernstnimmt, erzeugt eine dritte Reaktion: den stillen Widerstand. Die Betroffenen tauchen ab, schwatzen auf dem Flur und machen schlechte Stimmung. Am schlimmsten wird es, wenn eine Neuerung schiefgeht und genau die, die immer schon dagegen waren, sagen: Ich habe es euch ja gesagt.


Holger kennt das auch aus der Marketingarbeit. Die neue Positionierung steht, die Kernbotschaften sind definiert, die Leute waren in den Workshops. Und ohne kontinuierliche Unterstützung in der Implementierung sprechen alle weiter wie vorher und schreiben die alte Leier in ihre Broschüren. Die Prozesse sind so eingraviert in das tägliche Tun, dass es enorm schwerfällt, auszusteigen, selbst wenn das Unternehmen die Veränderung ausdrücklich will.


Warum liegt das Problem oft bei der Führung und nicht bei den Mitarbeitenden?


Häufig liegt die Ursache nicht bei der Belegschaft, sondern bei der Führung. Viele Organisationen haben kein passendes Führungskonzept für kontinuierlichen Wandel. Change läuft nebenher, zusätzlich zum Tagesgeschäft, ohne ausreichende Ressourcen, Zeit und Unterstützung. Und alte, unaufgelöste Konflikte kommen wieder hoch, sobald Unsicherheit entsteht.


Michael erzählt von einem Medienbetrieb, in dem Produktion und IT verzahnt werden sollten. Knackpunkt eins: Schockstarre bei den beiden bisherigen Chefs, die sich nicht mochten und Angst um ihren Status hatten. Knackpunkt zwei: Der eine hatte seine Führungsverantwortung schleifen lassen, der andere gab den Visionär, ohne den Markt wirklich zu kennen. Knackpunkt drei: ungelöste Konflikte zwischen den Teams. Trotzdem gelang die Veränderung am Ende, weil zwei Treiber in den Teams sie vorantrieben. Die beiden Chefs gibt es nicht mehr.


Holger ergänzt ein Beispiel aus der eigenen Praxis: Ein Marketingleiter liebt sein Unternehmen und seine CEO, aber nicht, wenn sie mit einer spontanen kreativen Idee die mühsam erarbeitete Kommunikationsstrategie über den Haufen wirft. Strategie oder Impuls? Das ist eine Frage der Haltung, wie sie in Folge 9 besprochen wurde, und sie entscheidet sich oft zugunsten zu vieler Top-down-Entscheidungen mit zu wenig echter Beteiligung.



Michaels zwei Fehler und das Paradox der Veränderung


Welche zwei Sätze sagt Michael heute nicht mehr?


Als Michael seinen ersten Change-Prozess leitete, sagte er zwei Dinge, die er heute vermeidet. Der erste Satz: Ich verspreche Ihnen Transparenz. Das musste er schnell zurücknehmen, weil einzelne Leute jeden Zwischenstand der Diskussion als endgültige Entscheidung missverstanden und dagegen protestierten. Seine Lektion: Information ja, Offenheit ja, aber Details erst dann, wenn sie wirklich geklärt sind. Sonst entsteht Chaos, weil jeder auf halbgare Informationen reagiert.


Der zweite Satz: Ich will Sie alle mitnehmen. Das ist unmöglich. Es gibt immer ein Viertel, das sich nicht mitnehmen lässt. Und am Ende reicht ein Einziger, der sagt: Mich hast du nicht mitgenommen, und die Glaubwürdigkeit des ganzen Projekts ist beschädigt. Heute sagt Michael stattdessen: Ich werde alles tun, um euch einzubinden und eure Bedenken zu hören, aber ich kann nicht garantieren, dass am Ende jeder zufrieden ist. Das ist ehrlich, und Ehrlichkeit trägt weiter als ein Versprechen, das niemand halten kann.


Holger ergänzt eine verwandte Beobachtung: Manche Einwände sind Gefühlsäußerungen ohne belastbare Argumente. Ich habe das Gefühl, unsere Marke wirkt altmodisch. Ich glaube, niemand liest mehr lange Blogbeiträge. Solche Sätze sind oft eine subtile, passiv-aggressive Form des Beharrens. Die Lösung ist, das Gefühl ernstzunehmen, es aber an dem zu messen, was sich tatsächlich messen lässt.


Warum machen wir jeden Mode mit, aber keinen Job-Change?


Das große Paradox der Folge: Dieselben Menschen, die sich im Job gegen Veränderung sperren, machen jede neue Mode mit. Neue Kleidung, neues Fitnessprogramm, neuer Ernährungstrend. Woran liegt das? Wir mögen Veränderung, wenn sie freiwillig, sinnvoll und beherrschbar ist und wenn wir sie zurücknehmen können, falls sie nicht das bringt, was wir uns erhofft haben.


Im Job ist das anders. Dort kommt die Veränderung meist von außen, unter Druck und mit unklaren Folgen. Wir haben keine Kontrolle und können sie nicht einfach rückgängig machen. Das aktiviert das Neandertal-Ich: Bedrohung, Abwehr, Festhalten am Bekannten. Die vier Bedingungen, unter denen wir Veränderung akzeptieren, lauten deshalb: freiwillig, sinnvoll, beherrschbar und rücknehmbar.


Holgers Schluss daraus ist eine Frage der Verantwortung auf beiden Seiten. Wer von anderen Veränderung will, muss die richtigen Worte finden und eine Geschichte entwickeln, die jedem zeigt, welchen wichtigen Part er darin spielt. Und wer Veränderung erlebt, kann selbst entscheiden, ob er sie als Bedrohung oder als Chance liest. Das Belohnungssystem lässt sich aktivieren, aber nur, wenn der eigene Gewinn sichtbar wird.


Wer spricht in diesem Podcast? Holger König und Michael Neugebauer.


Holger König ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Caesar & Harrison, einer Beratung für narratives Marketing spezialisiert auf den Mittelstand im deutschsprachigen Raum. Als StoryBrand Certified Guide erlebt er täglich, wie sehr eingefahrene Routinen die Umsetzung neuer Marketingstrategien bremsen, und wie eine gute Geschichte diese Routinen lockern kann.


Michael Neugebauer ist Kommunikationstrainer, Coach und Moderator. Er hat selbst fünf große technologische Umbrüche durchlebt, vom Bleisatz zum Fotosatz, von Vinyl zur CD, von monomedialer zu multimedialer Arbeit, von Präsenz zu Video-Calls und nun zur KI. Seine Erkenntnis: Veränderung gelingt am leichtesten, wenn sie selbstgewählt ist.


Holger König und Michael Neugebauer kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit beim Radio. Diese alte Verbindung zweier Radiomacher trägt den Podcast, der nicht wie ein Fachinterview klingt, sondern wie ein echtes Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich vertrauen und gegenseitig herausfordern.


Fazit von Holger König


Was mich an dieser Folge am meisten beschäftigt, ist die Entlastung, die in Michaels Kernbotschaft steckt: Widerstand gegen Veränderung ist keine Böswilligkeit, sondern Neurobiologie. Wenn ich das verinnerliche, höre ich auf, mich über den Widerstand meiner Mandanten zu ärgern, und fange an, ihn zu verstehen. Das verändert die ganze Art, wie ich Veränderung begleite.


Mich erinnert das an meine eigene Geschichte mit dem Storytelling. Seit ich in Story-Strukturen denke, hat sich nicht nur mein Marketing verändert, sondern auch mein Blick auf vieles andere. Ich habe am eigenen Leib gespürt, dass Dinge besser gehen, wenn ich den Veränderungsprozess freiwillig eingehe und einen Sinn darin sehe. Genau das ist die Bedingung, die Michael beschreibt.


Für die Praxis nehme ich eine einzige Frage mit: Sieht der Mensch vor mir, was er persönlich gewinnt? Wenn nicht, wird kein Modell und keine Methode den Widerstand überwinden. Wenn ja, arbeitet das Gehirn plötzlich mit statt gegen mich.





Modelle und Empfehlungen aus dieser Folge


Diese Folge bringt mehrere bewährte Modelle zusammen. Wer tiefer einsteigen will, findet hier die Orientierung.

Modell oder Werk

Worum es geht

7-Phasen-Modell nach Richard Streich

Schock, Ablehnung, Einsicht, Akzeptanz, Ausprobieren, Erkenntnis, Gewöhnung. Fast deckungsgleich mit den fünf Phasen der Trauer, weil beides mit Abschied und Verstörung zu tun hat. In der Realität springen Menschen zwischen den Phasen hin und her.

Innovation Adoption Curve, Everett Rogers

Beschreibt, wie sich Innovationen verbreiten, von den Innovators bis zu den Laggards. Buch: Diffusion of Innovations.

Film: A.O. - Der letzte Neandertaler

Holgers Filmtipp passend zum Neandertal-Modus des Gehirns. Ein Film über das Überleben in einer Welt, in der jede Routine zählte.

  

Diese Folge jetzt hören und weitermachen


Folge 11 von Storify your Business jetzt hören:


 

In der nächsten Folge geht es um ein verwandtes Thema: die Kunst des Nein-Sagens. Manchmal ist der beste Umgang mit Möglichkeiten, sie abzulehnen, aber wie sagt man Nein, ohne Brücken abzubrechen?


Weitere Folgen von Storify your Business:


Folge 4: Wandel braucht Willen und eine Kampagne


Das Grundlagenkonzept hinter wirksamer Veränderungskommunikation:



FAQ: Häufige Fragen zum Widerstand gegen Veränderung


Warum fällt uns Veränderung neurobiologisch so schwer?

Unser Gehirn ist auf Energiesparen und Stabilität ausgelegt. Bewährte Routinen werden in den Basalganglien gespeichert und unbewusst abgerufen, das spart Energie. Veränderung dagegen erfordert den Präfrontalkortex, der viel Energie verbraucht, und aktiviert die Amygdala, die Unsicherheit als Bedrohung deutet. Widerstand ist deshalb keine Charakterschwäche, sondern eine eingebaute Schutzreaktion. Wer das versteht, begegnet dem Widerstand anderer mit mehr Geduld und besserer Kommunikation.

Was besagt die 25-50-25-Regel im Change-Management?

Die Faustregel beschreibt, wie sich Belegschaften in Veränderungsprozessen typischerweise aufteilen. Etwa ein Viertel zieht aktiv mit, sieht den Sinn und bringt Ideen ein. Etwa die Hälfte wartet ab, lässt sich aber mitziehen, wenn der Prozess gut gemacht ist. Das letzte Viertel blockiert, aus Angst, Erschöpfung oder Frust. Das Wissen um diese Verteilung schützt vor dem Irrtum, man könne wirklich alle mitnehmen.

Unter welchen Bedingungen akzeptieren Menschen Veränderung?

Vier Bedingungen sind entscheidend: Die Veränderung muss freiwillig wirken, sinnvoll erscheinen, beherrschbar sein und sich notfalls zurücknehmen lassen. Deshalb machen wir jede neue Mode mit, denn sie erfüllt alle vier Kriterien, während Veränderung im Job meist von außen kommt, unter Druck steht und unumkehrbar wirkt. Wer Veränderung anschiebt, sollte diese vier Bedingungen so weit wie möglich herstellen.

Welche zwei Fehler sollte man als Change-Verantwortlicher vermeiden?

Erstens: zu früh vollständige Transparenz versprechen. Wenn jeder Zwischenstand als endgültige Entscheidung missverstanden wird, entsteht Chaos. Besser ist, zu informieren, aber Details erst zu kommunizieren, wenn sie geklärt sind. Zweitens: versprechen, alle mitzunehmen. Das ist unmöglich, und ein einziger Mensch, der sich nicht mitgenommen fühlt, kann die Glaubwürdigkeit des ganzen Prozesses beschädigen. Ehrlicher ist die Ansage, alles für die Einbindung zu tun, ohne Zufriedenheit für jeden zu garantieren.

Wie überzeugt man das blockierende Viertel im Unternehmen?

Oft gar nicht, und das ist eine wichtige Erkenntnis. Statt Energie darauf zu verschwenden, dieses Viertel umzustimmen, geht es darum, es so einzubinden, dass es bei den anderen nicht die Stimmung verdirbt. Entscheidend ist, das mittlere Segment zu gewinnen, indem man Ängste ernstnimmt, Sicherheit schafft, eine Zukunftsvision entwirft und eine Geschichte erzählt, die jedem seinen persönlichen Gewinn zeigt. Mit gutem Beispiel voranzugehen wirkt stärker als jede Anweisung.


Autor: Das Team der Caesar & Harrison GmbH & Co. KG




 
 
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