Wohin, Deutschland? Warum uns eine gemeinsame Vision fehlt und was ein Narrativ leisten muss
- Caesar & Harrison GmbH & Co. KG

- 22. Juli
- 9 Min. Lesezeit
Heute wird es politisch, aber nicht parteipolitisch. In Folge 13 von Storify your Business fragen Holger König und Michael Neugebauer, warum Deutschland eine gemeinsame Erzählung fehlt, die erklärt, wohin wir eigentlich wollen. Sie analysieren Slogans der Vergangenheit, zerlegen ein echtes Narrativ in seine Bestandteile und landen bei einer unbequemen Frage: Was ist eigentlich deine Vision?
Das Wichtigste in Kürze zur gemeinsamen Vision für Deutschland
Ein Narrativ ist mehr als ein Slogan. Es benennt ein Problem, macht eine Gemeinschaft zum Helden, beschreibt ein erstrebenswertes Ziel und fordert zum Handeln auf.
Der Satz "Mehr Demokratie wagen" von 1969 ist bis heute im Gedächtnis, weil er alle Bausteine eines Narrativs in fünf Worten vereint: Wir, ein Wille, ein Ziel und die Botschaft, dass es nicht leicht wird.
Aus Sicht der beiden Hosts fehlt der aktuellen politischen Kommunikation der emotionale Kern und die einfache Sprache, die das Gehirn sofort aufnimmt.
Ein Narrativ liefert Sinn, und Sinn ist die Bedingung dafür, dass Menschen sich engagieren, im Land wie im Unternehmen. Ohne ein klares Wofür fehlt der Antrieb.
Vision braucht Eigenverantwortung. Ein Narrativ zündet erst, wenn Menschen es vorleben, weitertragen und andere mitreißen, nicht wenn ein Wort auf einem Plakat steht.
Worum geht es in dieser Podcast-Folge? Show Notes mit Timestamps
Folge 13 ist die nachdenklichste der bisherigen Folgen. Statt einer Methode steht eine große Frage im Raum, und Holger und Michael nähern sich ihr mit den Werkzeugen, die sie am besten kennen: den Prinzipien des Storytellings. Am Ende steht kein fertiges Rezept, sondern eine Einladung zum Mitdenken.
Zeitmarke | Thema in dieser Podcast-Folge |
00:00 | Einleitung: Politisch, aber nicht parteipolitisch |
00:38 | Slogans der Vergangenheit: Mehr Demokratie wagen (1969) |
02:33 | Weitere historische Beispiele: der Ruck-Satz von 1997 |
04:16 | Sie kennen mich: Wenn ein Satz das Beharren beschreibt |
05:55 | Made for Germany: Warum eine Aktion kein Narrativ ist |
07:21 | Das Sondervermögen und die Frage nach dem großen Ziel |
11:51 | Das Informationsumfeld: flood the zone und die Aufmerksamkeit |
12:15 | Emotion und einfache Sprache: Was Botschaften erreichbar macht |
16:29 | Ein Narrativ zerlegt: Wir, Ziel, Happy End und Call to Action |
18:10 | Europa als verpasstes Narrativ |
19:29 | Warum es nicht kommuniziert wird: die Rolle der Medien |
24:12 | Eigenverantwortung und der Freiheitsschock |
26:32 | Sinn stiften: der Golden Circle nach Simon Sinek |
28:59 | Kennedys Mondlandung und das Problem kurzer Zyklen |
31:18 | Was ist deine Vision? Eine unbequeme Frage |
38:15 | Community-Frage und Vorschau auf den Gast der nächsten Folge |
Was ein Narrativ von einem Slogan unterscheidet
Warum ist "Mehr Demokratie wagen" bis heute im Gedächtnis?
Michael hat sich die Versuche der Vergangenheit angesehen, eine Erzählung für das Land zu prägen. Der Satz, der ihn am meisten beeindruckt hat, stammt aus dem Jahr 1969: Mehr Demokratie wagen. Er ist bis heute vielen im Gedächtnis, oft sogar in der Wir-Form: Wir wollen mehr Demokratie wagen. Der Satz hat den damaligen Zeitgeist aufgenommen und einem breiten Wunsch nach Veränderung eine Richtung gegeben.
Aus Storytelling-Sicht ist dieser Satz ein Lehrstück. Er enthält alle Bausteine, die ein Narrativ braucht. Es gibt ein Wir, also eine Gemeinschaft, die zum Helden der Geschichte wird. Es gibt einen Willen, den Willen zur Veränderung. Es gibt ein erstrebenswertes Ziel, mehr Demokratie, ein Happy End im Sinne der Erzählung. Und das Wort wagen macht klar, dass es nicht leicht wird, dass es Hindernisse gibt, die zu überwinden sind. Genau das ist eine Story: fünf Worte, eine Mission.
Ob solche großen Worte halten, ist eine andere Frage. Auch der Satz von 1969 wurde von der Realität eingeholt. Aber als Beispiel dafür, wie ein Narrativ funktioniert, taugt er bis heute. Er zeigt, dass Wirkung nicht durch viele Worte entsteht, sondern durch die richtige Struktur.
Warum ist eine Aktion oder ein Geldpaket noch kein Narrativ?
Ein Narrativ adressiert im weitesten Sinne ein Problem oder eine Herausforderung, benennt, was wir tun wollen, und beschreibt, wohin wir wollen. An diesem Maßstab scheitern viele jüngere Kommunikationsversuche. Die Wirtschaftsinitiative Made for Germany etwa, mit der 2024 zahlreiche Unternehmen große Investitionen ankündigten, war medial präsent, ist aber aus Sicht der Hosts kaum als Narrativ hängen geblieben. Eine Ankündigung ist kein Narrativ.
Ähnlich sehen die beiden das im Vorjahr beschlossene Sondervermögen. Ihr Punkt ist nicht die Höhe der Summe, sondern das Fehlen einer Geschichte dahinter, eines klaren Wofür. Michael bringt es auf ein Bild: Die Rechnung zahlen am Ende künftige Generationen, die er stellvertretend Sophia und Noah nennt, nach den beliebtesten Vornamen des Vorjahres. Ob dieser Einwand berechtigt ist, darüber lässt sich streiten, und die beiden räumen ein, dass es dazu unterschiedliche Beurteilungen gibt. Der storytelling-relevante Kern bleibt: Ohne eine sinnstiftende Erzählung wird aus einer Maßnahme kein mitreißendes Ziel. Was ein Narrativ überhaupt ist und wie es wirkt, erklärt der Grundlagenartikel Was ist ein Narrativ und wie machen starke Narrative Unternehmen erfolgreicher?.
Am Beispiel von 1969 lassen sich die Bausteine eines tragfähigen Narrativs klar benennen:
Baustein | Was er leistet | Im Satz "Mehr Demokratie wagen" |
Die Gemeinschaft als Held | Erzeugt ein Wir-Gefühl statt Abgrenzung gegen andere | Das mitgedachte Wir: Wir wollen |
Ein erstrebenswertes Ziel | Beschreibt das Happy End, für das es sich lohnt | Mehr Demokratie |
Ein Hindernis | Macht klar, dass es nicht leicht wird und Einsatz braucht | Wagen: es ist ein Wagnis |
Der Call to Action | Der Ruf, sich zu entscheiden und loszugehen | Der Wille, es zu erreichen |
Einfache Worte | Sofort verständlich, vom Gehirn schnell aufgenommen | Drei Worte, eine Silbe je Begriff |
Warum eine gemeinsame Erzählung heute so schwer entsteht
Was macht das Informationsumfeld mit unserer Aufmerksamkeit?
Ein Grund, warum gute Botschaften schwer durchdringen, liegt im Informationsumfeld. Holger verweist auf das Schlagwort flood the zone, die Strategie, den Raum mit so vielen Reizen und Zweifeln zu fluten, dass Fakten schwer zu erkennen sind. Dazu kommt eine mediale Logik, die auf Aufregung, Skandal und Katastrophe setzt, weil sich damit Aufmerksamkeit erzeugen lässt. Das ist dasselbe Dauerrauschen, das Holger und Michael in Folge 10 beschrieben haben. Eine sinnstiftende, ruhige Botschaft hat es in diesem Umfeld schwer.
Michaels Antwort darauf ist kein Ruf nach weniger Komplexität, sondern nach besserer Kommunikation. Politische Botschaften sprechen aus seiner Sicht zu selten das Herz an. Das Gehirn will schnell wissen, welche Verheißung in einer Botschaft für einen selbst steckt. Deshalb braucht es Emotion und einfache Sprache. Sein Anspruch an alle, die führen wollen: für komplexe Fragen Worte und Geschichten finden, die man sofort aufnimmt und die im besten Fall mitreißen.
Holger hält dagegen, dass die Welt schon immer komplex war und Menschen sich schon immer nach einfachen Antworten gesehnt haben. Einfach heißt dabei nicht simpel, sondern in Worten, die jeder versteht, ein erstrebenswertes Ziel zu beschreiben und ein Gefühl von Gemeinschaft zu erzeugen. Genau das leistet ein gutes Narrativ, und genau das unterscheidet es von der reinen Abgrenzung gegen andere, die zwar auch ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, aber ein negatives.
Was hat Eigenverantwortung mit einer nationalen Vision zu tun?
Ein Narrativ ist keine reine Bringschuld der Politik. Michael verweist auf den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und dessen Buch Freiheitsschock, dessen These lautet, dass viele Menschen nach dem Mauerfall von der gewonnenen Freiheit überfordert waren, weil ihnen niemand vermittelt hatte, dass Freiheit auch Eigenverantwortung bedeutet. Der Gedanke lässt sich verallgemeinern: Wer die Verantwortung für das eigene Wohlergehen vollständig an den Staat delegiert, hat zwar immer einen Schuldigen, gibt aber die eigene Gestaltungsmacht ab. Der Staat, so Michaels Pointe, bist du.
Warum sich viele dennoch zurückziehen, erklären die beiden mit einem Gedanken des Psychologen Stefan Grünewald: Der Leidensdruck sei noch nicht groß genug, es tue noch nicht richtig weh. Solange der Status quo erträglich ist, bleibt die Bereitschaft zur Veränderung gering. Das ist dieselbe Beharrungskraft, die Holger und Michael in Folge 11 über den Widerstand gegen Veränderung beschrieben haben, nur auf die Gesellschaft übertragen.
Warum zündet eine Vision erst, wenn Menschen sie vorleben?
Am Ende steht die Erkenntnis, dass ein Narrativ nicht am Plakat entsteht. Ein Wort wie Vertrauen oder Verantwortung auf ein Plakat zu schreiben und zu hoffen, dass die Menschen es dann empfinden, hält Michael für ein überholtes Konzept. Ein Narrativ kann als intellektuelle Idee am Küchentisch beginnen, aber es zündet erst, wenn Menschen es begeistert, wenn sie es vorleben, weitertragen und andere mitreißen.
Das gilt für Unternehmen genauso wie für die Gesellschaft. Holger fragt zu Recht: Wenn es gelingt, in Unternehmen ein tragfähiges Narrativ zu entwickeln, das polarisieren darf und nicht allen gefallen muss, warum sollte das nicht auch in einer Gemeinschaft gelingen? Was fehlt, ist Handlungsfähigkeit, der Mut, an der eigenen Stelle Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, statt laut zu streiten oder leise zu zweifeln.
Auf die Frage nach der eigenen Vision antwortet Michael mit einem Satz, der als persönliche Leitplanke taugt: miteinander arbeiten und einander so voranbringen, dass es allen Beteiligten gut geht, und Worte wie Fürsorge und Gemeinsinn wieder attraktiv machen. Ein Slogan für ein ganzes Land ist das noch nicht. Aber vielleicht ist die richtige Frage der erste Schritt.
Wer spricht in diesem Podcast? Holger König und Michael Neugebauer.
Holger König ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Caesar & Harrison, einer Beratung für narratives Marketing spezialisiert auf den Mittelstand im deutschsprachigen Raum. Als StoryBrand Certified Guide entwickelt er seit Jahren Narrative für Unternehmen und fragt in dieser Folge, warum das, was im Unternehmen gelingt, in der Gesellschaft so selten geschieht.
Michael Neugebauer ist Kommunikationstrainer, Coach und Moderator. Er verbindet in dieser Folge historische Kommunikationsbeispiele mit einem klaren Anspruch an alle, die führen wollen: einfache, emotionale Botschaften zu finden, die Menschen erreichen und mitreißen.
Holger König und Michael Neugebauer kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit beim Radio. Diese alte Verbindung zweier Radiomacher trägt den Podcast, der nicht wie ein Fachinterview klingt, sondern wie ein echtes Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich vertrauen und gegenseitig herausfordern.
Fazit von Holger König
Diese Folge betrifft mich persönlich. Es ärgert mich, dass wir einen Zustand haben, in dem kaum jemand die Frage stellt, wo wir eigentlich hinwollen, weder im Großen noch oft im eigenen Umfeld. Wir hetzen von Wahltermin zu Wahltermin, von Quartalsergebnis zu Quartalsergebnis, und der Sinn bleibt dabei auf der Strecke.
Was mich versöhnt, ist der Gedanke, dass ein Narrativ nicht von oben kommen muss. Es kann am Küchentisch beginnen, in einem Unternehmen, in einer Familie. Entscheidend ist, dass es Menschen gibt, die es vorleben und weitertragen. Ich habe unzählige Narrative für Unternehmen entwickelt und weiß, dass es funktioniert. Die Frage ist, warum wir uns das als Gesellschaft nicht zutrauen.
Vielleicht ist die ehrliche Antwort: Es beginnt mit Eigenverantwortung. Nicht das Plakat mit dem Wort Verantwortung, sondern die Bereitschaft jedes Einzelnen, an seiner Stelle Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Wir haben keine fertige Vision für Deutschland. Aber vielleicht ist es schon ein Fortschritt, die Frage überhaupt wieder zu stellen.
Denkanstöße aus dieser Folge
Quelle | Worum es geht |
Die These, dass die plötzlich gewonnene Freiheit nach 1990 viele Menschen überforderte, weil ihnen niemand vermittelt hatte, dass Freiheit auch Eigenverantwortung bedeutet. | |
Konzept: Golden Circle, Simon Sinek | Beginne mit dem Warum. Menschen folgen einem Sinn, nicht einem Produkt oder einer Maßnahme. Das Fundament jedes tragfähigen Narrativs. |
Diese Folge jetzt hören und weitermachen
Folge 13 von Storify your Business jetzt hören:
Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/de/podcast/storify-your-business/id1874192238?i=1000777824809
Holger und Michael stellen am Ende dieser Folge eine offene Frage: Was wäre deine Vision für Deutschland? Schreib es ihnen auf LinkedIn oder über caesar-harrison.de. In der nächsten Folge wird es zum ersten Mal einen Gast geben: Burkhard Gasper vom Gasper Digital Business Consulting spricht mit den beiden über Storytelling in Daten.
Weitere Folgen von Storify your Business:
Folge 4: Wandel braucht Willen und eine Kampagne
Folge 7: Wer nicht zuhören will, muss das Scheitern fühlen Folge 8: Wer überzeugen will, muss transportieren
Das Grundlagenkonzept hinter wirksamer Veränderungskommunikation:
FAQ: Häufige Fragen zu Narrativ und gemeinsamer Vision
Was ist der Unterschied zwischen einem Slogan und einem Narrativ?
Ein Slogan ist ein Werbespruch, der oft schnell wieder vergessen wird. Ein Narrativ ist eine Erzählung mit Struktur: Es benennt ein Problem oder eine Herausforderung, macht eine Gemeinschaft zum Helden, beschreibt ein erstrebenswertes Ziel und fordert zum Handeln auf. Der Satz "Mehr Demokratie wagen" ist deshalb ein Narrativ in fünf Worten, während eine bloße Ankündigung oder ein Geldpaket noch keine Geschichte erzählt.
Woran erkennst du ein gutes Narrativ?
Ein gutes Narrativ verwendet einfache Worte, die jeder versteht, und beschreibt ein Ziel, für das es sich lohnt, sich anzustrengen. Es erzeugt ein Wir-Gefühl, also Gemeinschaft, statt sich nur gegen andere abzugrenzen. Und es macht klar, dass der Weg nicht leicht ist, dass es also ein Wagnis gibt. Ein gutes Narrativ darf polarisieren. Wenn es allen gefällt, ist es meist zu beliebig.
Warum reicht es nicht, ein Wort wie Verantwortung auf ein Plakat zu schreiben?
Weil ein Narrativ nicht durch Behauptung entsteht, sondern durch Erleben. Ein Wort wie Vertrauen oder Verantwortung auf ein Plakat zu schreiben und zu hoffen, dass Menschen es empfinden, funktioniert nicht. Ein Narrativ zündet erst, wenn Menschen es begeistert, es vorleben, weitertragen und andere damit anstecken. Kommunikation ersetzt kein Handeln, sie kann es nur sichtbar machen.
Was hat Eigenverantwortung mit einer gemeinsamen Vision zu tun?
Eine gemeinsame Vision ist keine reine Bringschuld derer, die führen. Sie lebt davon, dass Menschen an ihrer Stelle Verantwortung übernehmen und handeln, statt das eigene Wohlergehen vollständig an den Staat oder die Führung zu delegieren. Wer nur einen Schuldigen sucht, gibt seine eigene Gestaltungsmacht ab. Ein Narrativ kann Orientierung geben, aber es wird erst wirksam, wenn viele es mit eigenem Handeln füllen.
Lässt sich Storytelling aus Unternehmen auf die Gesellschaft übertragen?
Im Prinzip ja. Die Bausteine sind dieselben: ein klares Problem, eine Gemeinschaft als Held, ein erstrebenswertes Ziel und ein Weg dorthin, der Mut erfordert. Der Unterschied liegt in den Rahmenbedingungen. In Unternehmen lässt sich ein Narrativ leichter setzen und über die Zeit halten, während gesellschaftliche Kommunikation von kurzen Zyklen, vielen widerstreitenden Stimmen und einem lauten Informationsumfeld geprägt ist. Die Prinzipien bleiben aber übertragbar.
✍ Autor: Das Team der Caesar & Harrison GmbH & Co. KG

